Connect to disconnect – die Kunst der Ignoranz?

Wir haben vor einiger Zeit „Unsere Erde 2“ im Kino gesehen. Ein wirklich toller Film, mit einzigartigen Aufnahmen und einer richtig guten und wichtigen Message. Der Kinosaal war voll und die meisten schienen begeistert und ergriffen.

Doch wie viel von dieser Begeisterung und Ergriffenheit bleibt im Alltag hängen? Wie schnell gerät in Vergessenheit wie viel jeder einzelne von uns zum Artensterben, zu Umweltverschmutzung und -zerstörung beiträgt?

In dem Moment in dem ich diesen Film sehe, oder eine Reportage über die Zerstörung des Regenwalds, Massentierhaltung usw. bin ich mir ja des Problems bewusst. Ich kann also nicht mehr behaupten ich kenne die Wahrheit nicht. Doch was passiert dann? Was geschieht mit mir, meiner Wahrnehmung? Wie schaffen es die Leute dennoch einen Haken daran zu machen? Man kann doch Wissen nicht aus dem Kopf radieren.

Für mich war klar als ich mich mit der Produktion von Milch/Milchprodukten und den damit einhergehenden Qualen von Milchkühen ernsthaft auseinandergesetzt habe das ich den nächsten Schritt gehen muss. Damit will ich mich nicht selbst profilieren oder sagen das ich besser bin als andere, ich versuche nur zu verstehen warum wir Menschen viele Dinge so beharrlich ignorieren.
Es ist als ob die meisten von uns einen Schalter betätigen, wann immer es unbequem wird. Ich muss etwas tun, ich muss mich ändern? Ach nö, viel zu aufwendig und klick – der Schalter wird umgelegt und alles ist wieder in Ordnung. Wir befinden uns (noch) in der „glücklichen“ Situation einfach die Augen verschließen zu können, denn die Auswirkungen der globalen Ignoranz und Unachtsamkeit treffen erst mal die anderen, wie z.B. Afrika, Asien, oder Südamerika, aber erste Auswirkungen schwappen ja auch schon zu uns herüber.

 
Veränderung wird immer als etwas Negatives angesehen, das kann ich gar nicht verstehen. Veränderung im Sinne von Weiterentwicklung, Lernen und Wachsen ist doch großartig! Veränderung heißt außerdem nicht das ich mich von 0 auf 100 um 180 Grad drehen muss. Jede Veränderung beginnt mit einem kleinen Schritt, dennoch sind wir scheinbar nicht in der Lage das zu erkennen obwohl wir uns doch für so clever und fortschrittlich halten. Bevor wir uns ändern sind wir eher bereit Lügen zu glauben oder sie gar selbst zu erfinden.

 
Ich habe ein Beispiel zum Thema Ernährung, ein trauriges, auch wenn es vielleicht lustig klingen mag. Wir sprachen in der Familie über Kinder und kamen so auf den Koch Jamie Oliver, der in englischen Schulen viel Aufklärungsarbeit zum Thema gesunde Ernährung macht. In einer seiner TV-Folgen zeigte er Kindern wie Chicken McNuggets hergestellt werden. Die Kinder fanden das ziemlich ekelhaft, doch zum Ende wurde dann gefragt ob die Kinder nun Lust auf Chicken McNuggets hätten und alle wollten noch immer welche essen, obwohl sie nun doch wussten was da eigentlich drinsteckt. Nun fanden das bei uns im Familienkreis alle witzig, ich fand es jedoch nur traurig, denn das ist kein Phänomen welches nur Kinder betrifft. Nein, das ist ja bei Erwachsenen noch schlimmer und die haben nun weiß Gott keine Entschuldigung oder einen Kinder-Bonus. Jedem sollte doch inzwischen bewusst sein was mit der „Produktion“ von Fleisch einhergeht, nicht umsonst hört man ja immer wenn man die Leute mal damit konfrontiert „Also wir kaufen nur Bio-Fleisch“. Ach so, tja wer kauft denn dann das ganze Billigfleisch? Denn seien wir mal ehrlich das teurere Bio-Fleisch bleibt doch in den Regalen. Bio bedeutet außerdem auch nicht das die Tiere ein schönes Leben hatten, da gibt es erhebliche Unterschiede bei den einzelnen Bio-Zertifizierungen, aber hey, warum großartig informieren, ich kaufe doch nun Bio-Fleisch, damit habe ich meine gute Tat ja wohl mehr als vollbracht.

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Ähnlich ist es doch mit giftigen Reinigungsmitteln oder verbrecherischen Firmen. Alle teilen immer vollkommen ergriffen Berichte auf Facebook aber damit hört es dann auch auf. Irgendwie schafft die Facebook-Ergriffeneit nicht den Sprung in unser alltägliches Leben. Und Ausreden dafür gibt es viele, ja man lechzt förmlich nach Entschuldigungen und Rechtfertigungen um sein Gewissen zu beruhigen und zum Schweigen zu bringen.

Vor einiger Zeit habe ich auf dem Sea Shepherd Meereschützertag in Bremen einen Vortrag von Frank Schätzing (dem Autor von „Der Schwarm“) zum Thema Schutz unserer Meere gehört. Er beendete seinen Vortrag mit den Worten das wir uns nicht zu wichtig nehmen sollten, denn schließlich wären wir nicht allein verantwortlich für die Verschmutzung und das Artensterben der Weltmeere und den Klimawandel. Ihr könnt Euch nicht vorstellen was er für einen Applaus dafür bekam. Super, wir sind nicht Schuld, dann ist ja alles gut und wir können weitermachen wie bisher!

Ja, es gab selbstverständlich auch früher schon Artensterben, aber nicht in der Geschwindigkeit die wir heute erleben. Die Natur hatte immer mehrere 100 Jahre Zeit sich zu regenerieren, das hat sie heute nicht mehr, und das ist unser Verdienst.
Ganz beliebt ist auch immer der Satz: Die anderen sind doch auch nicht besser. „Schaut Euch China und die USA an! Die sind Schuld an Umweltverschmutzung und Klimawandel!“ Wie gern wird hier vergessen das Deutschland seine Klimaschutzziele haushoch verfehlt hat und nun sogar von der EU-Kommission verklagt wird wegen zu hoher Luftverschmutzung. Was tut die Politik? Selbstverständlich nichts und schwuppdiwupp gerät auch dieses Thema wieder in Vergessenheit.

 
Einerseits gibt es doch diese Verbindung zwischen uns und der Natur, aber nur solange es uns in dem Kram passt. Die Menschen mögen Tiere, gehen gern wandern und im Meer schwimmen. Aber anstatt sich mit Tierschutz zu befassen geht man in den Zoo, wirft aus Bequemlichkeit seinen Plastikmüll an den Rand des Wanderweges (weil ja natürlich kein Mülleimer in der Nähe war und man kann den Müll ja schließlich nicht die ganze Zeit mitschleppen) oder läßt ihn am Strand einfach liegen. Das Meer ist ja groß genug, nicht wahr? Was macht da jetzt schon ein weiterer Plastikbecher für einen Unterschied?
Ich frage mich woher das kommt. Wird diese Verbindung von Genration zu Generation weniger? Schwindet das Interesse und Verständnis für die Natur? Oder liegt uns das einfach im Blut, diese Rücksichtslosigkeit und Unachtsamkeit? Für uns ist ganz selbstverständlich das wir an der Spitze der Nahrungskette stehen, dabei übersehen wir aber wie wenig wir diese Position eigentlich verdient haben. Wenn man sich zum Beispiel die indigenen Völker ansieht, dann merkt man schnell das dort ein ganz anderes Verständnis und vor allem eine Wertschätzung der Natur vorhanden ist die uns vollkommen abhanden gekommen ist (falls sie überhaupt jemals vorlag). Sie lebten und leben noch immer weitestgehend im Einklang mit der Natur (sofern sie gelassen werden). In einer Reportage über die Blackfoot-Indianer in Kanada sagte ein Mann das alles eine Seele hat, jeder Baum, jeder Felsen. Wenn er von Verwandten spricht, so meint er nicht nur die Menschen. Das fand ich wunderschön! Und ich würde mir so sehr wünschen das wir anfangen das genauso zu sehen!

 

Wie ist Euer Eindruck? Ich bin sehr an Euren Meinungen interessiert. Falls sich zufällig jemand der sich mit Psychologie auskennt auf meinen Blog verirrt würde ich zu gern wissen ob es dafür einen Begriff gibt, für diese menschliche Ignoranz aller unbequemen Dinge und für diese selbstgerechten Ansichten.

Verfasst von

Storyteller. Traveler. Nature Lover.

4 Kommentare zu „Connect to disconnect – die Kunst der Ignoranz?

  1. Hey ;),

    ein sehr interessanter Beitrag, wie ich finde.
    Ich denke, dass man das nicht einfach mit Ignoranz abtun kann. Denn ich denke tief im Inneren ist das Thema niemandem einfach egal, nach dem Motto: Man ignoriert es halt mal einfach, weil es einen nicht berührt.

    Als ich mich anfangs mit dem Thema näher auseinander setzte, so war das für mich eindeutig, dass ich diese Umstände nicht mehr weiter unterstützen wollte. Auch als ich nach Alternativen zur Milchindustrie suchte ob Bio oder Demeter denn besser wäre und für mich feststellte, dass die Praktiken zur Herstellung der Produkte im Endeffekt dieselben sind. Insofern konnte ich diese Informationen nicht länger ignorieren. Daher wurde ich dann Veganer.
    Doch heute bin ich Vegetarier. Der entscheidende Grund war, dass ich früher mal an Magersucht litt und es vor ein paar Monaten eine Phase gab, in der ich wieder merkte, dass alte Muster sich wieder einschlichen. Insofern „ignoriere“ ich heute die Umstände der Kühe in der Milchindustrie. Nicht weil es mir egal ist was mit den Tieren ist, sondern weil mir andere Dinge gerade wichtiger sind. So eben meine Gesundheit. So möchte ich mir gerade keine Regeln auferlegen oder mir von jemandem ins Gewissen reden lassen.
    Enttäuschend hierbei finde ich ist, dass einige Veganer dabei dann auch gar nicht nachfragen, sondern gleich eine Schublade öffnen, man isst wieder Tierprodukte, also müsse man mit entsprechenden Informationen konfrontiert werden, diese mehr verinnerlichen. So manche Haltung finde ich hierbei dem Menschen gegenüber ebenalls ignorant. Denn von außen betrachtet, kennt man oft nicht die ganze Wahrheit hinter einer Sache.

    Ich denke wie gesagt, dass das Thema den meisten keineswegs egal ist. Nur hat das meines Erachtens nach auch etwas mit der persönlichen Priorisierung zu tun.
    Man muss auch bedenken, dass wir alle so aufgewachsen sind, dass Tierprodukte zu essen normal ist. Bei manchen macht es sofort Klick und bei anderen dauert das länger und bedarf mehr als nur eines Filmes, eines Buches, oder eines Gespräches. Manchmal vollziehen sich Änderungen auch erst über Jahre und damit peut a peut.

    Lg

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    1. Liebe Cordula,

      vielen Dank für Deinen Kommenar. Genau darum geht es mir, um den Dialog, denn viele Leute aus meinem persönlichen Umfeld können mir auf die Frage nach dem „Warum“ keine Antwort geben. Wenn nun jemand sagt ihm ist die Massentierhaltung, der Klimawandel etc. egal, dann ist das zwar traurig aber immerhin ehrlich. Mich interessieren aber vielmehr die Beweggründe der Menschen die eben keine Antwort parat haben.

      Ich verfolge Deine Posts immer mit sehr großem Interesse, gerade jetzt wo Du den Schritt vom Veganer zum Vegetarier gemacht hast. Man merkt das Du Dir sehr viele Gedanken zu dem Thema machst – was ich super finde – und (ich hoffe das nimmst Du mir jetzt nicht übel) das Du sogar ein wenig mit Deinen Entscheidungen haderst (?) so kommt es mir jedenfalls vor. Das ist aber auch vollkommen verständlich denn gewissermaßen hast Du ja mit dieser Entscheidung Dein Weltbild noch einmal über den Haufen geworfen. Dieses Hin und Hergerissensein kann auch ich gut verstehen, so ging es mir in meiner Umstellungsphase vom Vegetarier zum Veganer. Ich vermute auch das Deine Entscheidung oft auf Unverständnis gestoßen ist, daher sicherlich Deine ausführliche Erklärung zu Deinen Beweggründen, was ich auch super interessant finde.
      In Deinem letzten Post hast Du einige Beispiele genannt z.B das Du für Dein Empfinden zu wenig Freiheiten hattest, keine Auswahl im Restaurant, Du müsstest für Urlaube zu viel planen und recherchieren oder es ist schwierig wenn man eingeladen wird etc. – Kurzum Du möchtest mehr Flexibilität und Gelassenheit. Das sind allerdings – und ich möchte wirklich nicht anmaßend sein und ich verurteile Dich auch keineswegs – egoistische Gründe. Hier stellst Du nicht Deine Gesundheit an die erste Stelle, sondern wie du selbst sagst die Bequemlichkeit.
      Leider ist genau dieser Punkt ja einer der dem veganen Lifestyle immer vorgeworfen wird, es sei viel zu aufwendig und anstrengend. Aber das ist nicht der Fall. Ich wohne in Bremen, und Bremen ist alles andere als ein Paradies für Veganer, ganz im Gegenteil. Ich finde es auch manchmal nervig das ich nichts für mich im Restaurant finde, aber davon lasse ich mich nicht unterkriegen, allerdings stehe ich auch total auf Pommes 😉  Auch im Supermarkt finde ich sollte jeder die Label checken, nicht nur Veganer.
      Menschen die Dich als Veganer anstrengend finden, finden Dich genauso anstrengend wenn Du Vegetarier bist, einfach weil dies häufig Menschen sind die sowieso alles und jeden kritisieren. Ignoranz gibt es auf allen Seiten, aber das hat weniger mit der Ernährung zu tun als mit dem Charakter.

      In Deinem heutigen Kommentar sagst Du nun das der wahre Grund für Deine Umstellung die Angst vor einem Rückfall in die Magersucht war. Es tut mit wirklich sehr leid das zu hören und ich wünsche Dir nur das Beste und ganz viel Kraft diese schwierige Zeit unbeschadet zu überstehen. Dennoch denke ich nicht das dies etwas ist was durch eine vegane, vegatarische oder omnivore Ernährung entschärft werden kann. 
      Viele liebe Grüße, Jessie

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      1. Hey Jessie,

        danke für deine ausführliche Antwort :).
        Der ausschlaggebende Grund war Ursprungs meine Geaundheit. Doch mit der Kritik mancher Veganer muss ich zugeben kam das noch als weiterer Grund hinzu, dass das in mir zu einer Art Bruch geführt hat. Denn meine Erfahrung ist oft, so teils auch auf meinem Blog, dass das Thema mit einer gewissen Abwertung, mit Vorurteilen und auch Aggressionen verbunden ist. Und wenn Veganer nun die gleiche Verhaltensweise an den Tag legen, ao stieß mich das ehrlich gesagt ab.

        Im Alltag oder im Urlaub ist es tatsächlich leichter, wenn man sich auch vegetarisch ernähren kann. Hier in Ulm, wo ich lebe, ist das Angebot auch nicht gerade breit gefächert.
        Insofern war es ausschlaggebend meine Gesundheit, ist im Endeffekt nun ein Zusammenspiel aus mehreren Einzelkomponenten. Dem Verhalten anderer und der Überlegung inwieweit mir das gut tut, und auch inwiefern es gut ist Veganer zu sein, wenn ich merke, dass moch manches anstößt.

        Und ja, es ist in gewisser Weise egoistisch.
        Mir ist es auch immer lieber gewesen jemand sagt ehrlich, wie du selbst sagst, Massentierhaltung interessiert mich nicht, ala sich hinter Ausreden zu verstecken.

        Ich denke, dass es durchaus einen Unterschied im Image zwischen Veganer und Vegetarier gibt. Zumindest ist das meine Erfahrung.
        Eine Essstörung ist ein Problem unabhängig von der Form des Essens. Für manch einen kann eine vegane Ernährung da heilsam sein, da man gesunde Sachen ohne schlechtes Gewissen essen kann zum Beispiel , was manch einem helfen kann wieder einen besseren Bezug zu Essen zu gewinnen und auch Sicherheit geben kann.
        Ich für mich merke, dass strikte Regeln mir da gerade nicht gut tun. Das hat im Endeffekt nichts mit Milch sei gesund oder dergleichen zu tun. Sondern vielmehr mit dem Prozess des Nachdenkens was nun gestattet, was nun vertretbar ist usw. Und das etwas loszulassen hilft mir.

        Manchmal wissen manche auch gar nicht warum sie was tun. Warum sie nicht ihren Konsum ändern. Vielleicht weil sie nie ausführlich darüber nachgedacht haben. Oder weil manche es nicht als das benennen wollen was es ist; vielleicht wirklich Interessenlosigkeit oder Egoismus.

        Lg

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      2. Lieben Dank für deinen 2. Kommentar. Ich denke auch das oft einfach nicht weiter nachgedacht wird, da spreche ich durchaus aus eigener Erfahrung. Als Vegetarier habe ich damals noch Fisch gegessen. Ein Bekannter (der Fleisch isst) hat mich dann gefragt warum ich das eigentlich tue. Erst war ich sehr angefasst und wütend das er, der Fleischesser, es überhaupt wagt mich so etwas zu fragen, aber er hatte ja Recht. Zum einen habe ich tatsächlich nicht weiter nachgedacht und zum anderen haben Fische mich nicht sonderlich interessiert. Doch seine Konfrontation hat mich zum Nachdenken gebracht, mit dem Ergebnis das ich es tatsächlich nicht vor mir selbst rechtfertigen konnte und somit zukünftig auf Fisch verzichtet habe. Doch viele wagen die Konfrontation leider gar nicht erst. Ich würde mir einfach wünschen das wir unser Handeln (nicht nur zum Thema Ernährung) mehr hinterfragen.
        Liebe Grüße, Jessie

        Gefällt 1 Person

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