Mein erstes veganes Jahr

So skeptisch wie der süße Ziegenbock habe ich vor ca. einem Jahr auch ausgesehen als ich mich dazu entschied mich ab sofort vegan zu ernähren. Das dies nicht von heute auf morgen klappt (jedenfalls bei mir) musste ich schnell feststellen, doch das ist ok. Man muss nicht von 0 auf 100 gehen und bei einem „Ausrutscher“ alles in Frage stellen oder gar hinwerfen. Jeder darf in seinem eigenen Tempo vegan werden. Ich möchte hier einfach meine Erfahrungen mit Euch teilen.

Milch habe ich seit Jahren nicht getrunken, Eier vielleicht 5 mal im Jahr gegessen, das war also nicht das Problem. Doch Käse habe ich jeden Tag gegessen, man hätte mich ohne weiteres einen Käse-Junkie nennen können. Ein mindestens genauso großes Problem wie der Käse waren aber auch die versteckten tierischen Inhaltsstoffe und meine oftmals leider uncharmante Umwelt, welcher ich sogar einen separaten Post gewidmet habe.

Ich ernähre mich seit Jahren vegetarisch, doch es hat eine Weile gedauert bis ich den nächsten (logischen) Schritt gewagt habe. Ich habe mich in erster Linie dazu entschieden, weil ich nicht länger Mitschuld am Leid und Tod von Millionen Tieren haben wolle. Ich habe mir vorher nie groß bewusst gemacht, das Kuhmilch nichts anderes als Muttermilch ist. Und wann produzieren Säugetiere Muttermilch? Richtig, wenn sie schwanger sind bzw. Babies haben. Nachdem ich herausgefunden hatte wie grausam die Milchindustrie wirklich ist, war klar das es kein zurück mehr gibt.

Welch tolle Auswirkung diese Entscheidung auf meine Gesundheit und auch mein komplettes Weltbild haben würde konnte ich damals noch nicht wissen.

Mein vergangenes Jahr war durchaus steinig, denn wie ich erfahren musste ist man als Veganer ganz schnell unbeliebt (dazu habe ich vor einiger Zeit bereits einen Post verfasst, schaut ihn Euch bei Interesse gern an: Der Veganer – ein ungern gesehener Gast).

Aller Anfang ist schwer

Ich muss zugeben, ich war zu Anfang echt etwas überfordert. Ich bin sowieso ein schwieriger Esser und meine Ernährung war ein wenig einseitig. Ich habe mich nicht ungesund ernährt, aber es gab deutlich Luft nach oben. Zum Beispiel habe ich, wenn ich keine Lust hatte zu kochen, immer (wirklich immer) auf das gute alte Käsebrot zurückgegriffen. Hier war also der erste Punkt an dem ich ansetzen wollte.

Jetzt denkt Ihr bestimmt, ok, dann nimm doch statt Käse einfach Marmelade oder einen veganen Brotaufstrich, doch das mag ich nicht. Ich esse weder Marmelade, noch (veganen) Frischkäse oder Ähnliches. Ich habe also damit angefangen veganen Schnittkäse zu essen, allerdings schmeckte mir der überhaupt nicht. Das war für mich der erste Stolperstein.

Was also tun?

Erstmal keine Panik bekommen und Einknicken, denn selbst für mich gibt es Alternativen. Mittlerweile esse ich die veganen Brotaufstriche von ener Bio sehr gern, die kann man auch super als Dip verwenden. Ab uns zu esse ich auch sehr gern Erdnussbutter, oder – ganz einfach – pflanzliche Butter mit Salz. Das schmeckt einfach traumhaft auf frisch gebackenem Brot. Und alle da draußen die nicht solch komplizierte Esser sind haben sooo viele Möglichkeiten, von Marmelade, über veganen Frischkäse, Streichkäse, Quarks, da ist die Auswahl mittlerweile wirklich riesig.

Nachdem ich den ersten Bumper aus dem Weg räumen können ging es weiter mit dem Kochen. Ich nehme mir immer Mittagessen und Snacks mit ins Büro. Wir haben zwar eine Kantine, aber die vegetarische Auswahl ist eine Katastrophe, eine veganes Angebot gibt es gar nicht, es sei denn man steht auf ein paar Salatblätter ohne Dressing.

Wenn ich also nicht mein heißgeliebtes Käsebrot mit hatte, dann waren es meistens Aufläufe. Die sind schnell gemacht und man kann mindestens 2 Tage davon essen – perfekt. Allerdings habe ich meine Aufläufe immer mit viel Käse überbacken. Natürlich hätte ich den Käse einfach durch veganen Käse ersetzen können, aber dieser ist mir einfach zu teuer und so richtig Gefallen fand ich an ihm auch einfach nicht.

Der Auflauf musste dann also Gemüsepfannen weichen, oder Curries. Da musste ich erst ein wenig reinwachsen und herausfinden was man schnell und einfach vorbereiten kann und was ich da am liebsten mag. Das war aber weitaus leichter als das Käsebrot zu streichen, und außerdem auch der erste einschneidende positive Aspekt für mich. Ich musste meine Wohlfühlzone verlassen und mich ein bisschen mehr mit meiner Ernährung auseinandersetzen als vorher. Und das war nicht nur extrem interessant, sondern für mich auf eine ganz tolle positive Entwicklung. Ich kann mit Stolz sagen das ich mich heute weitaus abwechslungsreicher und gesünder Ernähre als noch vor einem Jahr, und das sieht man mir auch an.

Wie war das noch mit Fertigprodukten?

Gerade bei Snacks greift man häufig zu Fertigprodukten. Das mag vielleicht nicht die gesündeste Variante sein, aber doch eine praktische. Auch ich habe z.B immer gern zu Müsliriegeln gegriffen, natürlich aber auch zu Schokolade oder Fruchtgummi. Gerade in stressigen Phasen auf der Arbeit habe ich haufenweise Fruchtgummi vernichtet. Die habe ich rigoros gestrichen, auch die veganen Fruchtgummis, witzigerweise ohne sie überhaupt zu vermissen. Statt zu Vollmilchschokolade griff ich nun zu zartbitter. Hier muss man zwar auch auf das Etikett gucken, aber die dunkle Schokolade von Aldi oder Rewe z.B. ist vegan. Was ich also nun vermehrt tue ist wirklich die Etiketten der Lebensmittel zu lesen. Habe ich vorher einfach zugegriffen, so informiere ich mich nun erstmal. Und das lohnt sich. Abgesehen von tierischen Inhaltsstoffen steckt ja ganz schön viel Unsinn in unseren Fertigprodukten und nicht zuletzt haufenweise Zucker.

Also habe ich angefangen auch Snacks selbst zu machen. Ganz leicht kann man z.B. gesunde Kekse selbst backen oder Energy Balls aus Datteln und Kokos. Wenn man wenig Zeit hat, dann kann man immer noch auf naturbelassene Nüsse zurückgreifen oder zuckerarme (und vegane) Snacks aus dem Supermarkt. Auch hier wird die Auswahl immer größer, gerade die Drogerien haben wirklich eine schönes Angebot.

Durch diese Umstellung spare ich also auch eine enorme Menge Zucker ein, was wiederum meinem Körper total gut tut. Es ist nicht so das ich Gewicht verloren habe, aber meine Silhouette hat ich verändert. Meine Haut ist deutlich besser (auch dank dem Verzicht auf Kuhmilch) und ich bin der Meinung das mein ganzer Körper straffer wirkt.

Meine letzte Hürde: Pizza

Mit Pizza musste ich wirklich kämpfen. Wie schon zu Anfang erwähnt bin ich kein großer Fan von veganem Käse. Der Pizzalieferservice unseres Vertrauens bietet sogar vegane Pizzen an, doch leider schmeckten mir diese nicht so gut. Ich war erstmal ziemlich entmutigt, denn Pizza war immer mein absolutes Comfort Food. Mir kamen Gedanken wie „Ich will mir ja nicht alles verbieten“, doch das ist die falsche Herangegensweise, das weiß ich nun. Es geht nicht um Verbote, sondern um bewusste Entscheidungen. Ich habe also bewusst meinen Pizzakonsum erst einmal eingeschränkt und immer weiter zurückgefahren. Nach anfänglichen Schwierigkeiten habe ich auch das hinbekommen und esse nun Pizza ohne Käse. „Das geht???“ denken jetzt wahrscheinlich viele, und ja, es geht. Wenn man die Pizza toll belegt und würzt fehlt einem der Käse geschmacklich tatsächlich nicht. Auch ich hätte das früher kaum für möglich gehalten.

Und dann habe ich völlig unerwartet etwas Tolles entdeckt!

Vor ca. 2 Monaten haben wir einfach mal Pizzabrötchen bestellt, da wir noch einen Gutschein hatten. Ich habe also die veganen Brötchen bestellt, einen Versuch war es ja Wert. Und zu meiner riesengroßen Überraschung schmecken die super. Warum ich den Käse in den Brötchen mag, auf der Pizza aber nicht, kann ich Euch nicht sagen. Ich weiß selbst, das das keinen Sinn macht, aber das ist mir auch egal! Ich freue mich einfach nur über die leckeren Brötchen!

Ansonsten kann ich Euch ganz besonders indisches Essen ans Herz legen. Viele indische Gerichte sind sowieso vegan und sie schmecken einfach fantastisch. Auch als Vegetarier bin ich gern zum Inder gegangen aber ich muss sagen jetzt weiß ich indische Restaurants noch mehr zu schätzen.

Das bringt mich auch zu einem anhaltenden Problem, nämlich dem Essen gehen mit Freunden.

Die meisten Restaurants (in Bremen) bieten einfach keine veganen Gerichte an. Es gibt durchaus einige vegane Restaurants und Cafés, aber ich bin der einzige Veganer in meinem Freundeskreis und meine Freunde gehen natürlich lieber in „normale“ Restaurants. Für mich heißt das dann oft das ich mit ganz viel Glück vielleicht ein oder zwei Gerichte zur Auswahl habe (abgesehen von Salat). Das kann schon etwas nervig sein, aber da muss man wirklich drüber stehen und inzwischen tue ich das. Entweder man beißt in den sauren Apfel und ist der Gast der eben alles nachfragen muss und dann darum bittet den Käse oder die Soße wegzulassen oder man bestellt die guten alten Pommes, die gehen immer.

Nein, jetzt mal im Ernst. Ich finde es sehr schade das in Bremen dieses „vegan sein“ offenbar noch nicht ganz angekommen ist. Vielleicht müssen aber auch einfach mehr Leute nach veganen Gerichten fragen damit die Restaurants entsprechende Gerichte anbieten.

Vegan leben – was bedeutet das eigentlich wirklich für mich?

Vegan leben bedeutet für mich bewusste Entscheidungen zu treffen. Bewusst nein zu sagen, zu Tierquälerei und Tod. Es bedeutet mir, bewusst zu machen, das alles zusammenhängt, das unser (Fleisch-/Milch-)Konsum den Tod bringt, nicht nur den Tieren, sondern auch anderen Menschen und letztendlich unserem Planeten.

Es bedeutet auch, in anderen Bereichen meines Lebens zu hinterfragen woher die Produkte kommen die ich z.B. im Haushalt nutze oder in meiner Körperpflege. Sind diese vegan und crueltyfree? Was für Inhaltsstoffe sind da überhaupt drin?

Ich hinterfrage außerdem auch unsere Gesellschaft im Allgemeinen.

Mir ist erst jetzt aufgefallen wie sehr die Gesellschaft uns den Fleischkonsum schon von Geburt an eintrichtert, als etwas das ganz normal ist und unbedingt zu einer ausgewogenen Ernährung dazu gehört. Selbst die Verbraucherzentrale behauptet das vegane Ernährung Mangelerscheinungen hervorruft. Jede Art der Ernährung ruft Mangelerscheinungen hervor, wenn man sich unausgewogen ernährt, egal ob vegan, vegetarisch oder karnivor. Das Erschreckende ist nur, das dies immer nur zusammen mit dem Wörtchen „vegan“ in Verbindung gebracht wird. Diese Wahrnehmung ist in den Köpfen der Leute noch immer weit verbreitet und somit muss man sich auch daran gewöhnen das man sich nicht selten rechtfertigen muss. Mich hat das zeitweise so aufgeregt und genervt das ich bei jeder Frage nach dem Warum oder eigentlich schon bei jeder Bemerkung innerlich an die Decke gegangen bin. Man lernt aber damit umzugehen. Genauso lernt man schnell zu erkennen wer überhaupt ehrliches Interesse hat und bei wem man sich die Mühe sparen kann seine Gründe zu erläutern. Ruhe bewahren und Durchhalten ist auch hier die Devise.

Ich möchte zum Schluss noch einmal betonen, das ich keineswegs behaupte, das alle Fleischesser ignorant sind und sich weder für Tierrechte, noch den Klimawandel oder unsere Erde im Allgemeinen interessieren, ABER wenn ich mich mit Themen wie meiner Gesundheit, gesunder Ernährung, dem Klimawandel und den Missständen in der Nutztierhaltung befasse, dann kann ich unmöglich so weiter machen wir bisher, ohne einfach alles zu verdrängen oder zu ignorieren was wir heute über diese Dinge wissen.

 

Picture by Florian Fischer

 

Verfasst von

Storyteller. Traveler. Nature Lover.

4 Kommentare zu „Mein erstes veganes Jahr

  1. Gratuliere ganz herzlich zu Deinem Entschluss und ersten Jahr!
    Vielleicht hast Du ja auch Lust den nächsten Schritt zum rohköstlichen Leben kleinweise anzupeilen.
    Denn leider hat die Lebensmittelindustrie im Vegan- Segment denselben Weg eingeschlagen wie im mainstream- Bereich: Hochverarbeitet und denaturiert. Und mensch sollte ja nicht nur zu den Tierchen, sondern auch zu sich lieb sein 😉
    Liebe Grüße! und
    paradise your life! 😉

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  2. sehr schöner ausführlicher Artikel, danke dafür! Mein Lieblingsaufstrich ist übrigens auch von enerBio: Senf-Rucola, könnte ich mich reinsetzen.. ansonsten kann ich dir noch Hummus empfehlen – oder, ganz schlicht: Tahin, besonders auf Vollkornbrot unter Tomaten- oder Gurkenscheiben statt Margarine sehr lecker – und gesund 🙂 LG Janine

    Gefällt 1 Person

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