Ein Tor in eine andere Welt

Wie in Zeitlupe entfernt sie sich immer weiter von ihrem Elternhaus. Ganz ruhig. Keine hastigen Bewegungen. Bloß keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen, obwohl es sowieso niemandem auffallen würde das sie weg ist.

So ist das wenn man unsichtbar ist, es sei denn natürlich man könnte nützlich sein, zum Beispiel als Druckmittel oder um Schuldgefühle hervorzurufen.

Mit jedem Schritt werden die Geräusche leiser. Die knallenden Türen, das Klirren des Geschirrs, die Schreie ihres Vaters, das Weinen ihrer Mutter. Zu oft hatte sie einfach im Türrahmen gestanden und das Spektakel stumm verfolgt. Eine groteske Szene, ihr persönlicher Albtraum in Endlosschleife. Er sucht sie vielleicht nicht jeden Tag heim, aber bereits so oft das sie das Zählen aufgegeben hat.

Die kalte Luft durchdringt ihre Lungen. Es ist nicht unangenehm, eher befreiend. Nach wenigen Schritten ist sie nass bis auf die Knochen. Sie hat sich nicht die Mühe gemacht nach ihrer Jacke zu greifen bevor sie das Haus verließ. Trotz der Kälte zieht sie ihre Schuhe und Strümpfe aus. Sie mag es die Erde unter ihren Füßen zu spüren. Sie ist aufgeweicht vom Regen, und fühlt sich wärmer an als man vermuten mag.

Zielstrebig läuft sie immer weiter. Das Grundstück ihrer Eltern ist weitläufig. Ihr Lieblingsplatz befindet sich nur einige Meter entfernt von dem meterhohen Eisenzaun der das komplette Grundstück umgibt, umringt von Dornensträuchern. Ihr Vater hatte Howard mehrfach aufgetragen sie zu entfernen, und auch die alte Eiche zu fällen. Doch Howard weiß wie sehr sie diesen Platz mag, und das gerade die Sträucher ihn besonders machen. Sie schützen ihn. Also hat Howard sie nicht angerührt. Er kann ihr keinen Wunsch abschlagen. Sie hat nicht einmal etwas sagen müssen. Er wusste es einfach. Er kann ihr ihren Zufluchtsort nicht nehmen.

Ihrem Vater wird es sowieso nicht auffallen. Es ist Jahre her das er überhaupt einmal den Garten betrat.

Jetzt ärgert sie sich über die fehlenden Strümpfe und Schuhe. Die Dornen piken gnadenlos in ihre Fußsohlen. Aber Umkehren steht nicht zur Debatte. Sie beißt die Zähne zusammen und kämpft sich hindurch bis sie schließlich vor ihr steht.

Die Eiche ist krank. Der Stamm ist innen bereits hohl. Genau dort befindet er sich, ihr Schutzraum. Abgeschirmt von all dem Kummer den sie in dem ungemütlichen alten Steinhaus erfährt. Das Haus ist seit Generationen im Besitz ihrer Familie, doch wie ein zu Hause fühlte es sich ganz gewiss noch nie an. Sie schlüpft hinein, schmiegt sich an die Rinde und schließt die Augen. Howard hat sie gebeten vorsichtig zu sein. Er scheint der einzige Mensch auf Erden zu sein der sich überhaupt Sorgen um sie macht. Man kann nie wissen wie lange die Eiche noch durchhält. Howard sagt das irgendwann der Blitz dort einschlagen wird, doch sie fühlt sich sicher, ob bei Regen oder Sturm. Die Eiche passt auf sie auf.

Obwohl sie umgeben ist von modrigem Holz kann sie hier so frei atmen wie nirgendwo sonst. Sie streicht über die Furchen im Holz, fährt jede Linie mir ihren Fingern nach. Das beruhigt sie.

„Hallo, meine Liebe. Ich habe dich vermisst.“ Flüstert sie.

Draußen nehmen Wind und Regen zu. Innerhalb weniger Augenblicke ist es schlagartig dunkel geworden. Sie hört ein dumpfes Donnern, weit weg, so scheint es. Sie lauscht den tanzenden Regentropfen.

Ein furchtbares Kreischen reißt sie aus ihren Gedanken. Es klingt als ob ein Leben ausgelöscht wird. Nicht das sie wüsste wie sich das anhört, aber sie fühlt das irgendwo irgendetwas stirbt. Beunruhigt drückt sie sich fester an ihren Baum. Sie fühlt sich umarmt, sicher und geborgen. Als sie nach oben schaut erblickt sie ein Augenpaar das freundlich auf sie herabschaut. Grüne, funkelnde Augen. Sie haben die Farbe von in der Sonne leuchtenden, tiefgrünen Blättern. Wie gebannt schaut sie weiter hinauf und erkennt nach und nach Umrisse eines Gesichtes. Es ist das Gesicht einer Frau. Das Gesicht kommt auf sie zu. Die Schatten geben schlanke Schultern frei, und einen zierlichen Körper, kaum größer als ihr eigener.

„Hab keine Angst. Du bis jetzt zu Hause.“

Die freundliche Gestalt steht nun direkt vor ihr. Trotz der alles verschlingenden Dunkelheit um sie herum kann sie erkennen das die Gestalt kein Mensch ist. Sie hat eine menschliche Gestalt angenommen aber ein Mensch ist sie nicht. Die Gestalt streckt ihr eine Hand entgegen.

„Na komm‘, es ist Zeit.“

Mit wackeligen Beinen steht sie also auf und ergreift die Hand. Sie fühlt sich hölzern und warm an. Eine wohlige Wärme geht über in ihren Körper. Sie fühlt sich leicht wie eine Feder, unbeschwert und beinahe glücklich. Vollkommen hypnotisiert von diesem Gefühl lässt sie sich von der Hand führen. Sie hört gedämpfte Geräusche. Unverständliches Gemurmel das wie durch eine Glasscheibe erfolglos versucht sie zu erreichen, während sie aufhört zu sein. Einen letzten Blick wirft sie noch über ihre Schulter, zurück in die Welt von der sie nun kein Teil mehr ist.

 

 

 

Verfasst von

Storyteller. Traveler. Nature Lover.

2 Kommentare zu „Ein Tor in eine andere Welt

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