Dolphin Girl

Neun Monate, drei Wochen und vier Tage hat sie sich auf diesen Moment vorbereitet und dennoch fühlt er sich vollkommen surreal an. Sie liegt flach auf dem feuchten Boden. Die Feuchtigkeit kriecht in jede Zelle ihres Körpers. Doch es ist nicht unangenehm, eher wie ein Weckruf an jede Faser ihres Seins. Wie kleine elektrische Impulse die durch sie hindurch jagen. Obwohl ihr Herz rast und jede Sekunde ihren Brustkorb zu zerschmettern droht ist ihre Hand ganz ruhig. Ihr Finger ruht auf dem Abzug, ihr Auge fixiert die Massenmörder in ihren Booten und am Strand, einige 100 Meter vor ihr. Durch die Vergrößerung des Zielfernrohrs erkennt sie die Messer und Haken in den Händen der Männer. Ein Anflug von unbändiger Wut und Trauer überkommt sie und treibt ihr Tränen in die Augen. Sie muss den Blick einen Moment abwenden um die Tränen wegzuwischen. Nichts darf ihren Blick verschleiern. Sie darf sich gleich keinen Fehler erlauben. Auch den winzigen Anflug eines Zweifels wischt sie energisch weg. Selbst wenn sie nur wenige retten können, so schaffen sie es vielleicht die Szene aufzurütteln. Sie hofft das die Medien darüber berichten werden.
Sie spürt Kenos Hand auf ihrer Schulter, warm und tröstend. Sie schaut in seine dunklen mandelförmigen Augen. Auch in ihnen sieht sie Tränen glitzern. Doch sein Blick gibt ihr Mut. Wir ziehen das durch. Es gibt kein zurück.

Als die ersten Schüsse fallen drückt auch sie ab.

Als die ersten Mörder in sich zusammensacken spürt sie wie sich eine nie gekannte Ruhe in ihr ausbreitet.

Sie war so furchtbar aufgeregt als sie mit ihrem Touristenvisum am Flughafenschalter stand. Ihre Hände waren eiskalt und zitterten ununterbrochen als sie dem Mann am Schalter ihren Pass reichte. Jetzt, wenige Wochen später sind sie ruhig. Routiniert, fast wie eine Maschine, führen sie ihre Aufgabe aus. 10 Schuss, dann nachladen. 10 Schuss, wieder nachladen. Als hätte sie nie etwas anderes getan.

„Wir müssen jetzt gehen!“ Keno zieht sie an den Schultern nach oben.

Er hat Recht, sie dürfen nun keine Zeit verlieren. Aber sie kann ihren Blick nicht abwenden. Das Wasser hat sich rot gefärbt.

Doch dieses Mal ist es ihr Blut, dieses Mal waren die Jäger die Gejagten.

 

Verfasst von

Storyteller. Traveler. Nature Lover.

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