Wen wir lieben, wen wir hassen

Vor einigen Tagen bin ich im Internet auf einen Satireartikel zum Thema Katzenfleisch gestoßen. Dieser Artikel sagte, dass die große Schweizer Supermarktkette Migros in naher Zukunft Katzenfleisch, genauer gesagt einen Katzenburger, verkaufen würde. Das war natürlich ein Fake, aber wenn man die Seite (Basler Bote) nicht kennt, nicht unbedingt sofort erkennbar. Jedenfalls gab es in den Kommentaren zu diesem Artikel wieder herrlich Sinnfreies zu lesen, aber ich finde man kann diesen Artikel (vermutlich war das auch die Intention) wunderbar als Anregung zum Nachdenken nutzen (egal ob man nun Fleisch isst oder nicht).

Katzenfleisch ist also der Mega-Aufreger (was ich absolut verstehen kann). In China und einigen anderen asiatischen Ländern wird noch immer Hunde- und Katzenfleisch gegessen. Das nehmen viele Menschen zum Grund Chinesen pauschal zu verurteilen. Natürlich ist es nicht in Ordnung was in China geschieht (aber Pauschalisierungen sind es genauso wenig). Reportagen zu dem Thema kann ich mir gar nicht mehr ansehen, so fertig macht mich das. Ähnlich geht es mir aber mit Reportagen über unsere sogenannten Nutztiere.

Wo ist nun also der Unterschied? Kühe, Hühner, Schafe, Schweine, Wild und Fisch zu essen ist in unserer Gesellschaft ganz normal, bei Hunden und Katzen hört der Spaß dann aber auf. Warum ist das so?

Auf Nachfrage kann mir das niemand wirklich erklären. Viele sagen „weil es eben einfach so ist“ – total geistreich, andere kommen mit der Bibel, dort würde ja stehen welche Tiere man essen darf und welche nicht. Wieder andere kommen dann mit ihren ganz persönlichen Wahrheiten.

Auch ich habe dazu ein einschneidendes Erlebnis gehabt. Vor ca. 7 Jahren, als ich noch Fisch aß, waren wir mit Freunden essen. Ich bestellte Fisch. Während des Essens fragte mich dann jemand warum ich denn eigentlich Fisch essen würde, schließlich wäre ich ja Vegetarier. Auf diese Frage hatte ich keine plausible Antwort, ich war sogar ziemlich sauer damals. Wie kann jemand der Fleisch isst, es wagen mich so etwas zu fragen? Doch warum war ich so wütend? Ganz einfach, weil ich gewissermaßen ertappt wurde. Ich esse aus ethischen Gründen kein Fleisch. Fische sind aber auch Tiere. Tiere die Leben wollen, genauso wie Kühe oder Schweine. Ob ich sie nun vielleicht weniger niedlich finde ist eigentlich vollkommen egal. Tier ist Tier, oder nicht? Wo kommen wir denn da hin wenn es nicht ok ist niedliche Tiere zu essen, aber bei vermeintlich hässlichen Tieren ist das ok?!

Tier ist bei den meisten Menschen eben nicht gleich Tier.

„Ich esse nur Geflügel, Hühner haben so böse Augen.“ Ah ja. Ich bin mir sicher wenn Hühner sprechen könnten, dann würden sie das selbe über uns sagen.

„Ich esse Rindfleisch, denn Kühe mag ich nicht. Kälber ja, darum verzichte ich auch auf Kalbsfleisch.“ Ob diese Person weiß, das die Kühe die für ihren Burger sterben nicht älter als 5 Jahre sind?

„Fische sind mir egal. Die kann man ruhig essen.“ Oder auch in angesagten New Yorker Restaurants lebendig zerstückeln, sind ja bloß Fische.

Zum Thema Fisch bin ich selbst natürlich nicht ganz unschuldig. Nach dem sich die erste Wut damals gelegt hatte, habe ich angefangen wirklich nachzudenken. Wie rechtfertige ich den Fischkonsum vor mir selbst? Wir alle rechtfertigen unser Handeln, indem wir uns bestimmte Dinge einreden (wie in den o.g. Zitaten). Ob das Sinn macht oder nicht spielt keine Rolle so lange wir uns diese Rechtfertigungen lange genug einreden und sie glauben. Denn dann sind sie zu unserer Wahrheit geworden und daran gibt es nichts mehr zu rütteln.

Ähnlich wie ich damals reagieren die Leute aggressiv wenn man sie darauf anspricht. Ich vermute weil auch sie sich ertappt fühlen und es keine Argumente gibt, außer natürlich das sie selbst so entschieden haben und dann auch nicht weiter darüber nachdenken (wollen). Und genau das kann ich einfach nicht verstehen. Warum weigert man sich partout seine eigene Meinung in Frage zu stellen? Es ist ja nichts dabei. Man kann doch seine Einstellungen und Überzeugungen überdenken und sie –  wenn es sein muss – auch über Bord werfen. Es ist nie zu spät etwas zu ändern.

Ich für meinen Teil finde Fische mittlerweile super interessant und echt witzig. Ich gehe z.B. sehr gern Schnorcheln. Es ist so lustig die Fische dabei zu beobachten wie sie miteinander agieren. Besonders angetan hat es mir der Picasso-Doktorfisch. Der ist wirklich richtig putzig und sieht aus wie ein kleiner Klugscheißer. In unserem letzten Urlaub auf den Malediven war ich so begeistert das ich einem Fischchen sogar einen Namen gegeben habe: Karl-Heinz.

Zum Thema Fisch hatte ich auch eine Diskussion mit einer Freundin, die sehr schnell ärgerlich wurde. Sie isst Fisch weil er sehr gesund sei. Das dem heute weiß Gott nicht mehr so ist kann man schnell herausfinden wenn man sich mit dem Thema beschäftigt, aber das wolle sie natürlich nicht. Sie wollte an ihre Wahrheit glauben.

Ich bin selbst natürlich kein Psychologe und Experte auf diesem Gebiet aber ich finde es unheimlich interessant (und auch gruselig) wie wir uns selbst belügen um Taten oder Einstellungen zu rechtfertigen. Das machen wir ja nicht nur beim Thema Essen, sondern im Grunde genommen in jeder Lebenslage.

Nun haben Tiere bei vielen einen niedrigeren Stellenwert als Menschen. Doch wo fängt diese Differenzierung an und wo hört sie auf? Nehmen wir an ich lebe in Asien, in schrecklich armen Verhältnissen. Ist es dann ok z.B. ein Wildtier einzufangen, unter Schlägen zu dressieren und Touristen vorzuführen? Ihr glaubt nicht wie viele Leute diese Frage mit „Ja“ beantworten. Wenn ich dann weiter frage ob es auch ok wäre wenn ich in dieser Situation mein Kind verkaufe sind alle furchtbar schockiert. Nein, das geht natürlich nicht.

Wir differenzieren aber nicht nur zwischen Mensch und Tier, sondern auch zwischen Mensch und Mensch.

Ich habe vor einiger Zeit eine tolle Reportage darüber gesehen, wie schon Kleininder entscheiden wen sie mögen und wen nicht bzw. wem sie sich anschließen und wem nicht. Diese Studie lief über mehrere Jahre und ist wirklich extrem interessant gewesen. Einmal mochten die Kinder andere Kindern gern die ähnlich sind wie selbst, ähnliche Interessen haben etc. (das ist ja auch absolut nachvollziehbar), kamen sie jedoch in eine Gruppe übernahmen die meisten schnell die Interessen und Ansichten der Gruppe um nicht „allein“ zu sein. Ganz schnell entwickelte sich so eine „WIR“ und „DIE ANDEREN“-Mentalität.

Wenn es z.B. die Meldung eines Anschlages gibt, dann wird immer auch gesagt ob Deutsche oder Europäer oder Amerikaner usw. unter den Opfern waren. Warum ist das so? Menschen sind gestorben, das ist grauenhaft, und dabei spielt es doch keine Rolle aus welchem Teil der Welt sie kommen.

Man fühlt sich also offenbar Leuten aus dem eigenen Land näher als „Fremden.“ Vermutlich ist das ganz normal.

Ist das wirklich normal?

Oder wird uns nur vermittelt das es normal ist? Was sagt das über uns aus?

Im Grunde genommen sagt das doch aus, das wir wichtiger sind als andere.

Ich bin wichtiger als du.

Das ist nicht richtig und meiner Meinung nach (unter anderem) die Wurzel allen Übels und allem was falsch läuft auf dieser Welt. Mir ist auch klar – wenn man sich unsere Geschichte ansieht – das es schon immer so war, aber wir sehen uns doch so gern als hochentwickelt und superschlau an. Warum blicken wir dann nicht hinter unsere eigenen Lügengeschichten und fadenscheinigen Rechtfertigungen? Wie schnell werden so nicht nur bestimmte Tiere verteufelt (aktuell z.B. der Wolf) oder bestimmte Religionen oder ethnische Gruppen? Grauenhafte Beispiele dafür wie schnell soetwas ausarten kann gibt es zu Hauf, ob nun der 2. Weltkrieg, der Genozid in Ruanda oder ganz aktuell die Rohingya in Myanmar, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Verfasst von

Storyteller. Traveler. Nature Lover.

6 Kommentare zu „Wen wir lieben, wen wir hassen

  1. Ich persönlich habe seit meinem vierten Lebensjahr ein sehr gespaltenes Verhältnis zum Fleischkonsum. Damals wohnte ich einer traditionell bäuerlichen Schlachtung irgendwie in den Dolomiten bei. Das Schwein tat mir sehr leid. Fortan fragte ich, ob Schwein drin ist und aß es dann nicht. Es gesellten sich sämtliche Fleischwaren (inkl. Fisch und alles andere zuvor Lebendige) hinzu. Mit Anfang zwanzig gab ich mir ein Ruck, weil ich von Fleischessern umzingelt war. Es folgten einige Jahre äußerst mäßigen Fleischkonsums, nur wegen anderen und um nicht in eine Diskussion verwickelt zu werden, also wenn ich irgendwo eingeladen bin. Das mache ich (je nach Zusammensetzung der Anwesenden) auch heute noch. dennoch kann ich nicht begreifen, wie man das eigene Leben über das anderer Wesen stellt, zumal wir als Allesfresser Alternativen haben. Hinzu kommen die unsäglichen Zuchtbedingungen, die auch gerne als »FleischPRODUKTION« bezeichnet werden, schön abstrahiert.
    Ja, dazu wird das Argument von Katz und Hund angeführt, die ja auch Fleischesser sind, doch Freigänger erbeuten sich die lahmen Tiere.Das ist auch nicht erbaulich, aber »Natur«.
    Wenn der Mensch andere wesen derart quält wie in der Massenzucht, was wird ihn davon abhalten, mit anderen Artgenossen so oder ähnlich zu verfahren, die nicht dem Clan, der eigenen Gesellschaft angehören? Richtig, ein Blick in die Geschichte genügt.
    Eine angenehme vegane Zeit 🙂

    Gefällt 2 Personen

    1. Hallo Pia, vielen Dank für Deinen Kommentar. Es tut mir sehr leid, dass Du Dich von Bekannten/Freunden genötigt fühlst Fleisch zu essen um Diskussionen aus dem Weg zu gehen. Ich habe da ähnliche Erfahrungen gemacht (nicht bei Fleisch aber bei veganen bzw. eben nicht veganen Gerichten) und auch einen Post dazu verfasst – schau ihn Dir bei Interesse gern an:

      https://the-catcus.com/2017/07/23/der-veganer-ein-ungern-gesehener-gast/

      Auch ich habe mich lange Zeit nicht getraut einfach zu mir und meinen Überzeugungen zu stehen und gerade unter Freunden oder Familie kann es sogar schwerer sein als z.B. unter Kollegen oder flüchtigen Bekannten. Nichtsdestotrotz möchte ich Dir ans Herz legen Mut zu fassen und genau das zu tun. Vielleicht dauert es noch eine Weile aber irgendwann schaffst Du das ganz sicher.
      Viele liebe Grüße, Jessie

      Gefällt 1 Person

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