Das Herz des Waldes – eine Kurzgeschichte

Kassian blickt gedankenverloren hinauf in die Baumkronen. Ihre Blätter leuchten in den verschiedensten Grüntönen. Sie rauschen leise im Wind. Kassian liebt diesen Klang. Die Sonne bahnt sich nur mühsam ihren Weg durch die verschlungenen Äste. Vor ihm liegen unendliche Kilometer gerodeten Landes. Die erbarmungslos niedergemetzelten Überreste seiner Schutzbefohlenen. Doch seine violetten Augen fixieren einen kleinen rot-weißen Vogel. Er muss sich ablenken, kann den Blick nicht nach vorn richten, zu groß ist der Schmerz. Das Gefieder des Vogels ist fast vollkommen weiß, nur sein zierlicher Kopf trägt einen Tupfer rot. Es sieht aus als habe er eine kleine rote Kappe auf. Es muss einer der letzten hier sein und wenn er klug ist dann wird auch er so schnell ihn seine Flügel tragen verschwinden. Kaum als Kassian diesen Gedanken beendet hat erhebt sich der kleine Vogel, so als hätte er ihn verstanden. Kassian ist, als wären sie durch ihre Trauer verbunden. Er kann den Schmerz des Tieres förmlich sehen, darüber das seine Heimat zerstört wird, rücksichtslos und ununterbrochen. Manifestiert in ihrer beider Herzen. Doch erst das immer lauter werdende, unbarmherzige Heulen der Kettensägen holt ihn aus seiner Starre.

„Hast du nun genug gesehen? Ich erwarte das auch du dafür stimmst, Learion. Ich weiß nicht was du dir von diesem Besuch hier erwartet hast. Du siehst doch das es keinen anderen Weg geben kann.“ Schnaubt Kassian unfreundlich.

„Lass uns zurück gehen. Estravion erwartet uns gewiss schon.“ Lenkt er etwas versöhnlicher ein als Learion sich nicht rührt.

Wortlos steht Learion auf. Schlagartig durchfährt Kassian die blanke Angst. Wie eine eiserne Klaue umschließt sie sein Herz und drückt zu. Was wenn Learion doch wieder einknickt? Gestern hatte er es noch versprochen. Kassian hatte ihn regelrecht angefleht. Es geht hier immerhin um unsere Zukunft, die Zukunft der Baumwandler. Ach eigentlich geht es auch um die Zukunft der Menschen. Nur sehen sie das natürlich nicht. Blind und dumm sind sie. Voller Bitterkeit wandern seine Mundwinkel immer weiter nach unten als auch er aufsteht. Gerade deshalb müsste Learion doch auf seiner Seite sein. Was sind da schon ein paar Bauernopfer?

„Learion, ich bitte dich! Unser Leben ist verknüpft mit dem der Pflanzen und Lebewesen dieses Waldes. Willst du alles aufs Spiel setzen?“

„Nein, das möchte ich selbstverständlich nicht.“ Antwortet Learion leise.

Seine Stimme bebt leicht. Kassian kann nicht recht einschätzen wieso. Setze ich ihn zu sehr unter Druck? Ach was. Ich verstehe sowieso nicht was dieses merkwürdige Gesetz bringen soll. Estravion überträgt Entscheidungen stets zwei seiner Untertanen, unabhängig von seiner eigenen Meinung. Kassian hat dies immer als feige empfunden. Sollte der König der Baumwandler nicht seine Entscheidungen selbst treffen, anstatt sie jungen Wandlern zu übertragen? Learion ist viel zu jung, zu unerfahren. Außerdem scheint er Gefallen an den Menschen gefunden zu haben. Das beeinflusst seine Entscheidung. Beide müssen sich einig sein. Was soll ich denn noch tun um ihn davon zu überzeugen? Kassian fährt sich mit den Händen durch Gesicht und Haare. Seine grün-gesträhnten Haare fallen ihm über die schlanken Schultern bis auf den Rücken. Er spürt wie seine Adern über den Schläfen zucken, im selben Takt wie sein rasendes Herz. Verstohlen wirft er einen Blick auf Learion während er ihm folgt. Learion hat den Blick gesenkt. Seine traurigen eisblauen Augen sind auf den Waldboden gerichtet. Seine mandelfarbene Haut sieht dünn wie Reispapier aus. Man kann ganz deutlich die grünen Adern sehen die seine Haut durchziehen. Kassian hat ihn gern, doch Learion ist einfach zu weich.

Das Heulen der Sägen tönt Kassian noch immer in den Ohren, auch als sie bereits das Herz des Waldes erreicht haben. Er bekommt es einfach nicht aus dem Kopf.

„Papa! Endlich bist du wieder da!“ Elia stürmt auf Kassian zu und umklammert sein Bein. Höher greifen kann sie noch nicht.

„Hallo mein Schatz!“ Kassian lächelt seine Tochter liebevoll an und nimmt sie auf den Arm.

„Papa, was ist los? Bist du traurig?“ Fragt sie besorgt. Sie ist mit ihren fünf Jahren bereits so aufmerksam und einfühlsam. Bei dem Gedanken sie jemals verlieren zu können schießen Kassian plötzlich Tränen in die Augen. Blitzschnell blinzelt er sie weg, bevor sie es bemerken kann. Er liebt Elia über alles. Auf gar keinen Fall wird er ihr Leben in Gefahr bringen. Wenn Learion tatsächlich dagegen stimmt wird er Estravion um ein Veto bitten, oder wenn nötig die Aktion allein durchführen. Die Konsequenzen wird er tragen. Sie wären ihm egal, so lange er Elia in Sicherheit weiß.

„Nein, mein Schatz. Alles ist in Ordnung.“

Er bemüht sich fröhlich zu klingen, doch in den violetten Augen seiner kleinen Tochter erkennt er das sie ihm nicht glaubt.

„Ich habe sogar etwas für dich.“ Sagt er schnell um sie abzulenken. „Mach deine Hand auf.“

Freudestrahlend öffnet Elia ihre kleine Hand. Kassian führt seinen Zeigefinger in die Mitte ihrer Handfläche.

„Pass gut auf.“ Flüstert er. Langsam fängt er an seinen Finger kreisend über die Hand seiner Tochter zu führen. Aus den Poren seiner Fingerspitze tanzen winzige violette Tröpfchen. Sie wandern glitzernd und tanzend in Elias Hand hin und her. Sie quietscht vor Freude. Die Tröpfchen formen sich, noch immer tanzend, zu einer kleinen weißen Knospe. Unter den stetig weiter tanzenden Tröpfchen öffnet sich die Knospe und gibt ihr Innerstes Preis. Es kommt eine wunderschöne weiße Blüte zum Vorschein, mit einem kleinen gelben Stempel inmitten eines leuchtenden lila Kerns umgeben von zarten weißen Blütenblätter.

„Kassian, Estravion sucht nach dir. Bitte komm doch einen Moment mit.“

Auf einmal steht General Gueriell vor Kassian und Elia. Kassian hat ihn gar nicht kommen hören, so sehr war er in der Freude seiner Tochter gefangen.

„Selbstverständlich. Ich komme sofort.“

Behutsam setzt er Elia ab, die noch immer begeistert die kleine Blüte festhält.

„Suchst du einen schönen Platz für sie? Ich komme gleich wieder.“ Elia nickt zufrieden und hüpft davon.

Kassian folgt Gueriell in den Palast. Er besteht aus den ältesten Bäumen des Waldes. Jedes Mal wenn Kassian ihn betritt erfüllt ihn ein Gefühl von Stolz und Ehrfurcht. Seit Anbeginn der Zeit stehen sie hier und werden von den Baumwandlern beschützt. Im Thronsaal warten Estravion und Learion bereits. Gueriell verlässt den Saal nachdem er Kassian zu ihnen geführt hat. Learion sieht noch immer todtraurig aus. Den Blick von Estravion kann Kassian nicht deuten. Für einen Moment stehen die Drei sich schweigend gegenüber.

„Du wolltest mich sprechen.“ Sagt Kassian schließlich um diese merkwürdige und beängstigende Stille zu durchbrechen. Sein Herz rast. Kann es sein das Estravion die ganze Aktion abbläst? Nein, das kann nicht sein. Oder? Noch während die Gedanken wie eine riesige Sturmfront durch Kassians Kopf rauschen ergreift Estravion endlich das Wort.

+++

Die komplette Kurzgeschichte und auch meinen ersten Roman findet Ihr auf Sweek:

Das Herz des Waldes

Wächter der Elemente

 

Verfasst von

Storyteller. Traveler. Nature Lover.

2 Kommentare zu „Das Herz des Waldes – eine Kurzgeschichte

  1. Hallo,
    der Anfang klingt sehr gelungen! Ich mag Kassian, seine Wut und Verzweiflung einerseits, seine Liebe zu seiner Tochter andererseits – ein spannender Charakter!
    Ganz zu Beginn ist mir lediglich eine Kleinigkeit aufgefallen: Erst beschreibst du, wie wenig Licht durch die Blätter zu Boden fällt und im nächsten Satz ist da das brache Land. Das widerspricht sich ein wenig, weil wo es keine Bäume gibt, kann auch die Sonne ungehindert hinkommen 😉
    Liebe Grüße, Alex

    Gefällt 1 Person

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