Lost & Found – Verloren im Alltag?

Ich war ein echt kreatives Kind mit haufenweise Fantasie und Träumen. Ich habe viel gemalt, mir Geschichten ausgedacht, sie aufgeschrieben und nachgespielt. Der Schulweg war eine Wanderung durch eine Märchenwelt, mit verwunschenen Toren die meine Freundinnen und ich überwinden mussten um in die Schule oder nach Haus zu kommen. Das war das Normalste von der Welt. Offenbar ist es aber auch normal das man seine Fantasie ein Stück weit ablegt wenn man erwachsen wird, jedenfalls wird uns das oft diktiert. „Hör auf zu träumen und werde endlich erwachsen.“ „Streng Dich in der Schule an damit Du später einen guten Job bekommst.“ Was so viel heißt wie „Suche Dir einen Job bei dem du viel Geld verdienst, egal ob Du damit glücklich bist oder nicht.“

Dafür das ich jemand war, der nie genau wusste was er mit seinem Leben anfangen will, lief bei mir alles einwandfrei. Schule, Abitur, Ausbildung, Festanstellung. Und ehe man sich versieht ist man drin in diesem Trott. Man lebt von Wochenende zu Wochenende und das ist ok. Das machen die anderen ja auch. Aber erfüllt hat mich das nicht. So habe ich mir das „Erwachsensein“ nicht vorgestellt. Ich weiß, Millionen Menschen würden sich ein Bein abhacken für ein Leben so wie wir es hier führen, aber wir haben den Luxus uns erlauben zu dürfen über unser Leben und unsere bisher getroffenen Entscheidungen nachzudenken und etwas zu verändern.

Genau das habe ich getan, und am Ende meine eigene Kreativität und Lebensfreude wiedergefunden.

Ich fühlte mich gefangen in meinem Alltag, festgefahren und irgendwie unfähig mich voran zu bewegen. Mein Traum war immer ins Ausland zu gehen, doch zu den Momenten wo so etwas am besten passt (nach der Schule etwa, oder nach der Ausbildung) habe ich den Absprung nicht geschafft. Entweder waren mir andere Dinge wichtiger (wie z.B. meine erste große Liebe) oder ich habe mich im Endeffekt einfach nicht getraut. Dieser Wunsch war immer in mir, doch er wurde mit den Jahren immer tiefer begraben. Allerdings hat er sich unerwartet mit einem Schlag befreit und geboren war der Plan Freiwilligenarbeit in Kanada zu leisten. Am liebsten hätte ich ein ganzes Jahr freigenommen, doch da hat mein Arbeitgeber nicht mitgespielt und mutig genug um zu kündigen war ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Wir haben uns dann auf 8 Wochen geeinigt, die ich freinehmen durfte und in Cochrane, Alberta verbrachte, beim Cochrane Ecological Institute. Das ist eine Einrichtung, die sich verletzter Wildtiere annimmt, sie gesund pflegt und (im besten Fall) wieder auswildert. Das war nicht nur eine tolle Erfahrung weil ich faszinierende Tiere, ganz liebe Menschen und ein Land kennenlernen durfte, das für immer einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen haben wird, nein, es war quasi wie ein Neustart für mich. Jessie 2.0 war geboren.

Als ich nach den 8 Wochen zurück in Deutschland war, wusste ich auf einmal wie es für mich weitergehen soll. Ich wollte endlich den Schritt wagen im Ausland zu arbeiten. Feuer und Flamme von der Idee wollte ich keine Zeit verlieren und ein gutes halbes Jahr später brach ich auf nach Lichfield, in England, um dort zu arbeiten. So gut mir England und Lichfield im Besonderen auch gefallen haben, so wurde ein weiterer lang begrabener Traum immer stärker. Ich wollte immer nach Neuseeland und Tasmanien, hatte auch schon einmal angefangen eine Reise dorthin zu planen, aber dann wieder alles verworfen. Je mehr ich darüber nachdachte desto mehr packte mich das Fernweh. Ich vermisste außerdem die Zeit in Kanada ganz furchtbar, so das ich mich kurzer Hand entschloss zu kündigen. So eine Entscheidung ist wirklich absolut untypisch für mich. Ich bin weder spontan, noch besonders mutig. Ich mag Sicherheit. Ja, Sicherheit finde ich wirklich gut. Doch ich hatte keine Wahl, der Drang etwas zu verändern war so groß das keine Sorgen und Ängste mich davon abhalten konnten.

Selbstverständlich habe ich vorher alles gut durchgerechnet (als alter Sicherheitsfreak) und dann habe ich wirklich gekündigt. Freunde und Familie habe ich vor vollendete Tatsachen gestellt, einzig mein Freund kannte meine Überlegungen, denn wir wollten zusammen reisen. Das war auch gut so, denn dadurch das ich nicht in meinem gewohnten Umfeld war, konnte mir auch niemand wirklich reinreden, mir meine Entscheidung mies machen und Zweifel säen. Ehe ich mich also versah saß ich im Flieger nach Calgary. Wir verbrachten zwei Wochen in Cochrane und ich konnte all meine Lieblingsplätze noch einmal besuchen. Weiter ging es nach Vancouver und Vancouver Island, und dann endlich nach Neuseeland, Australien, Indonesien und Singapur. Obwohl wir natürlich ständig auf Achse waren, 1000 verschiedene Eindrücke auf uns einprasselten und wir eigentlich selten still standen habe ich in der Zeit mich selbst und meine innere Stimme wiedergefunden. Es ist als hätte sich mein Bewusstsein geöffnet für alles was ich als Kind einmal erträumte und fühlte und dann aber im Laufe der Jahre in winzig kleine Schubladen in meinem Kopf gestopft und abgeschlossen habe.

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Ich sage nicht, das Ihr um Euch selbst zu finden oder neue Perspektiven zu entdecken alles hinschmeißen sollt. Es ist meiner Meinung nach nur sehr schwer sich von allem Ballast (gedanklich) frei zu machen, wenn man in diesem Alltagstrott steckt. Der ganze Alltagslärm übertönt die eigene innere Stimme. Einfacher ist es wenn man alles für einen Moment hinter sich lassen kann. Manchmal reichen hier auch schon drei Wochen Urlaub. Wichtig ist, das man alle äußeren Einflüsse komplett ausblendet damit man auf sein Inneres hören kann. Das gilt auch für die Meinungen von Freunden und Familie.

Ich sage nicht, dass man seine Ideen nicht mit Freunden oder der Familie besprechen soll, doch oft sind diese vielleicht selbst unglücklich in ihren aktuellen Lebensumständen und können (auch vollkommen unabsichtlich) missgünstig sein, oder einem die eigenen Wünsche und Träume schnell mies machen oder sogar ausreden.

Ich sage auch nicht, dass man sein Leben komplett umkrempeln muss, das kommt ja ganz darauf an was man sich selbst wünscht. Manche haben das Glück (und auch das Durchhaltevermögen) ihr Hobby zum Beruf zu machen, andere brauchen nur eine andere Sicht auf ihr „altes“ Leben um zu erkennen was sie vielleicht schon längst haben.

Als ich kündigte war ich mir ziemlich sicher das ich nie wieder in meinem alten Job arbeiten würde. Ich war der Meinung ich müsste alles radikal ändern. Heute weiß ich es besser. Ich arbeite tatsächlich wieder in meinem alten Beruf, nur mit einer anderen Lebenseinstellung. Das hat alles verändert. Ich bin in vielen Dingen deutlich gelassener, ich weiß wo meine Prioritäten sind und lasse mir von niemandem reinreden.

Es hat eine Weile gedauert mein neues Ich mit meinem alten Leben zu vereinen, doch es ist mir gelungen. Ich interessiere mich für so viele Dinge wie schon lange nicht mehr, habe wieder mit dem Schreiben begonnen, angefangen zu fotografieren, zu kochen, einfach zu leben anstatt im Alltag mitzuschwimmen und das ist etwas ganz Tolles und Wertvolles, das ich hoffentlich nie wieder verliere.

Verfasst von

Storyteller. Traveler. Nature Lover.

2 Kommentare zu „Lost & Found – Verloren im Alltag?

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