Hilflos – oder zu bequem zum Helfen?

Uns geht es gut in Deutschland. Wir leben sicher. Wir haben Zugang zu sauberem Trinkwasser, wir haben genug zu Essen. Wir können uns zu jeder Tages- und Nachtzeit (fast) alles kaufen was wir möchten. Klar, wir schauen abends die Tagesschau – man möchte ja wissen was so in der Welt vor sich geht – doch nur von 20:00-20:15 Uhr. Danach möchten wir uns wieder unserem Leben widmen, das neue Paar Schuhe bestellen, die Lieblingsserie anschauen, Essen gehen oder Freunde treffen.

Ich habe mich vor ein paar Wochen mit einer Freundin unterhalten die gerade aus dem Urlaub kam. Sie sagte dort hat sie kein Fernsehen geschaut und auch selten auf ihr Handy geguckt. Sie konnte komplett abschalten und war froh das sie mal ein paar Tage ohne all die schrecklichen Nachrichten aus aller Welt verbringen konnte. Ich kann das verstehen. Es vergeht kein Tag ohne Anschläge, Morde und andere Katastrophen, ganz abgesehen von den Dingen über die gar nicht berichtet wird. Nun sind wir in der glücklichen Position eben einfach den Fernseher oder das Radio ausstellen zu können und schon sind wir sicher vor allem Bösen das auf der Welt geschieht. Das ist bei mir im Freundeskreis ein heikles Thema. Ich höre ganz oft Aussagen wie „Ich verkrafte all diese furchtbaren Nachrichten nicht“ oder „Man darf sich davon nicht so fertig machen lassen“ oder „Es hilft auch niemandem wenn ich deswegen so traurig bin“. Ich selbst bin auch sehr sensibel. Wenn ich etwas besonders Schlimmes (unter all den ohnehin furchtbaren Dingen) sehe oder höre dann beschäftigt mich das tagelang. Natürlich ist erst mal niemandem damit geholfen das ich vor dem Fernseher sitze und heule. Ich kann meine Freunde also durchaus verstehen, man fühlt sich machtlos und möchte am liebsten alles ausblenden. Aber es gibt durchaus Dinge die man tun kann um zu helfen, wirkungsvolle Dinge. Einfach so zu tun als ob uns das nichts angeht, ob aus Selbstschutz oder mangelndem Interesse, darf keine Option sein.

Bei vielen Berichten kommen mir einfach die Tränen, aber soll ich sie deswegen nicht mehr anschauen, damit ich mich selbst besser fühle? Millionen anderer Menschen würden sicher auch gern wegsehen aber das können sie nicht weil der Albtraum, den wir nur aus den Nachrichten kennen, ihr Alltag ist.

Ganz aktuell ist beispielsweise die verheerende Hungersnot in Somalia. Selbst unser Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bittet uns mit einem Spendenaufruf um Hilfe. Ich habe dazu einen Artikel gelesen und, obwohl ich genau wusste das ich mich tierisch aufregen werde, habe ich auch die Kommentare zu diesem Bericht gelesen. Der Tenor vieler Kommentare war zum einen „Soll Steinmeier doch selber spenden, er hat ja genug Kohle“, „Wer weiß wo meine Spende überhaupt landet“ oder aber „Die Afrikaner haben doch selbst Schuld. Warum setzt jede Familie noch 10 Kinder mehr in die Welt wenn es sowieso nichts zu essen gibt“. Ich kann manche dieser Äußerungen zwar erst einmal nachvollziehen aber damit macht man es sich selbst natürlich wieder sehr einfach. Besser kann man es ja gar nicht rechtfertigen das man selbst gar nichts tut. Abgesehen davon steckt natürlich viel mehr dahinter. Zum Beispiel die afrikanische Kultur. Kinder und Enkelkinder sind dort die einzige Altersvorsorge die die Menschen haben. Außerdem haben die Menschen oft keinen Zugang zu Bildung, das kostet Geld, ebenso wie die Aufklärung. Ich kann doch also nicht erwarten das die Menschen das selbe Weltbild und Verständnis habe wie wir, die wir unter ganz anderen kulturellen, finanziellen und sozialen Gesichtspunkten aufgewachsen sind.

Auch den Einwand das die Spendengelder eh nicht dort ankommen wo sie sollen kann ich nicht nachvollziehen. Wenn man z.B. einen Urlaub buchen möchte dann checkt man das Hotel und den Anbieter ja auch vorher, warum also nicht die Institution checken für die man etwas spenden möchte? Es gibt viele zertifizierte Hilfsorganisationen bei denen man ohne Bedenken spenden kann. Und ja, natürlich können (und sollten) auch die Reichen Geld spenden, denn ihnen tut es bestimmt nicht weh. Dennoch kann jeder von uns seinen Teil dazu beitragen. Ich spreche jetzt nicht von Menschen die jeden Cent zwei mal umdrehen müssen, vielleicht arbeitslos sind und 5 Kinder durchbringen müssen, sondern von Menschen wie mir, die einen ganz normalen Job haben. Ein paar Euro im Monat hat man über, da braucht man sich nichts vormachen. Und selbst wenn man nicht spenden kann oder will , so kann man eine Menge tun indem man sein eigenes Handeln ein bisschen anpasst. Eigentlich hätte das sogar auf lange Sicht den größten Effekt, denn egal wie viele Gelder gespendet werden, man muss selbstverständlich auch die Ursachen bekämpfen. Gerade den Welthunger könnte man auf einfache Weise bekämpfen und vermutlich sogar komplett eliminieren indem man das eigene Essverhalten ein wenig ändert und seinen Fleischkonsum reduziert. Für die Herstellung von einem Kilogramm Fleisch werden 16 Kilogramm Getreide benötigt. Das benötigte Getreide wird aber zum Großteil importiert und zwar auch aus Ländern in denen Menschen hungern. Zudem muss für den Getreideanbau Platz geschaffen werden und das passiert auf Kosten der Regenwälder, und unseres Klimas. Zu diesem Thema gibt es verschiedene Studien, die besagen das die Tierwirtschaft für bis zu 51% aller verursachten Treibhausgase verantwortlich ist, und Treibhausgase verstärken den Klimawandel . Der Klimawandel wiederum ist verantwortlich für Dürren (wie in Afrika, Indien aber auch in den arabischen Ländern, z.B. Syrien) und hier schließt sich der Kreis.

Auch die allseits beliebte Ausrede „Was bringt das denn schon wenn ich etwas ändere und alle anderen weiter machen wie bisher?“ ist absolut inakzeptabel und auch nur ein weiterer (wie ich finde ziemlich schlechter) Versuch vor sich selbst zu rechtfertigen das man nichts tut. Wie Michael Jackson schon sagte „I’m starting with the man in the mirror“. Das ist ein schöner Leitspruch für jede Veränderung die man sich wünscht.

Was gibt uns nun also das Recht die Augen zu verschließen? Unser Wohlstand kommt nicht von ungefähr. Er kostet Leben, er kostet Wasser und Blut. Wir sind durch unsere Lebensweise mit verantwortlich für das Elend auf der Welt. Ich bin schockiert über die Gleichgültigkeit (egal ob aus vielleicht gar nicht böse gemeintem Eigenschutz oder schlichtweg der Ignoranz) der Kommentatoren aber auch der Menschen in meinem Umfeld. Wenn ich in Somalia geboren wäre, dann würde ich mir auch wünschen das irgendwo irgendjemand aufwacht und mir durch eine kleine Spende oder einfach durch das Ändern seines eigenen Verhaltens mein Überleben und das meiner Kinder ermöglicht. Wir haben gerade als Konsumenten ein Ass im Ärmel. Wenn wir anfangen unser Kaufkraft bewusster einzusetzen können wir Dinge verändern, denn wir treffen die Entscheidungsträger dort wo es ihnen weh tut, nämlich in ihrem eigenen Geldbeutel.

So einfach ist das.

Also was bringt uns dazu dennoch die Augen zu verschließen? Ist es Selbstschutz, Bequemlichkeit oder wirklich Desinteresse oder Ignoranz? Und wie kann man die Realität verdrängen? Wie kann man Gehörtes oder Gesehenes wieder aus seinem Kopf radieren und so tun als hätte man davon nie etwas gehört oder gesehen? Warum versteckt man sich wieder hinter seinen eigenen Ausreden und Ausflüchten?

Wird es nicht endlich Zeit etwas zu ändern? Eine winzige Kleinigkeit die eine so große Wirkung hätte?

Quellen:

Compassion in World Farming 2004: Global Benefits of eating less meat
Steinfeld, Henning/Gerber, Pierre/Wassenaar,Tom/Castel, Vincent/Rosales, Mauricio/de Haan, Cees (2006): “Livestock´s Long Shadow.Environmental Issues and Options”. Rom: UN Food and Agriculture Organisation(FAO).
Goodland, Robert/Anhang, Jeff (2009): “Livestock and Climate Change. What if the key actors in climate change are … cows, pig, and chickens?” Washington: World Watch-Institut, World Watch Magazine.
Fritsche, Uwe R./Eberle, Dr. Ulrike 2007: „Treibhausgasemissionen durch Erzeugung und Verarbeitung von Lebensmitteln – Arbeitspapier“. Darmstadt/Hamburg: Öko-Institut e.V.

Photograhy: Florian Fischer

 

Verfasst von

Storyteller. Traveler. Nature Lover.

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