Der Veganer – ein ungern gesehener Gast

Ich bin schon seit Langem Vegetarier und habe mich Anfang diesen Jahres dazu entschieden dieses „vegan sein“ auszuprobieren. Komplett vegan lebe ich noch nicht, aber ich arbeite daran.

Ich musste in den letzten Monaten allerdings relativ schnell lernen, das man als Veganer alles andere als ein gern gesehener Gast ist. Während man als Vegetarier noch halbwegs akzeptabel ist, so ist man als Veganer offensichtlich der Antichrist schlechthin. Ich habe mich noch nie zuvor in meinem Leben so vielen Anfeindungen stellen müssen wie seit dem Moment als ich Freunden und Familie gesagt habe das ich nun versuche vegan zu leben. Einige dieser Erlebnisse möchte ich hier gern mit Euch teilen. Vielleicht habt Ihr ja ähnliche Erfahrungen gemacht.

Kennt Ihr das, Ihr seid irgendwo eingeladen, z.B. zum Abendessen, und noch Wochen bevor diese Essen stattfindet lässt man Euch wissen das ihr im Grunde genommen unerwünscht seid? Es werden Fragen laut wie, „Was kann sie denn jetzt überhaupt noch essen“, oder „Was sollen wir bloß für sie machen?“, und schon fühle ich mich nicht gerade willkommen, denn mir wird von vornherein vermittelt das ich eine Belastung bin.
Ich möchte Euch dazu etwas erzählen das ich vor Kurzem erlebt habe. Es gab wieder einmal eine Einladung zu einer Feier der Familie meines Freundes. Zwei Wochen vor diesem Termin wurde ich darüber informiert das man anstatt ins Restaurant zu gehen, nun zu Hause feiern möchte. Kein Problem, dachte ich in meinem jugendlichen Leichtsinn, doch weit gefehlt. Eingeladen wurde zum Abendessen und zur Feier gäbe es Gulasch und Salat. Ich müsse mir mein Essen dann selbst mitbringen.

Ich war ehrlich gesagt absolut fassungslos.

Mein erster Gedanke: Essen die Leute nur Fleisch? Gibt es keine Beilagen außer dem Salat? Ich war wie vor den Kopf gestoßen, so etwas habe ich wirklich noch nie erlebt. Ich werde also zu einer Feier eingeladen, aber Essen muss ich mir selbst mitbringen, an einem Donnerstag Abend übrigens. Zu dumm das ich den ganzen Tag arbeite und keine Zeit habe mir irgendetwas vorzukochen. Aber es ist natürlich mein Fehler, ich bin ja der extrem anspruchsvolle und super anstrengende Neu-Veganer. Die Gastgeberin könnte Ofenkartoffeln machen, die gehen wie von selbst und ich bin mir sicher, auch die Nicht-Veganer/ Nicht-Vegetarier würden sich darüber freuen. Oder Ofengemüse. Oder einfach Reis, Nudeln oder Pellkartoffeln. Das wäre nun wirklich gar kein Aufwand. Aber nein, ich soll mir mein Essen vorbereiten, an einem Wochentag, an dem ich bis 17 Uhr arbeiten muss, es dann mitbringen, und mir vor Ort aufwärmen. Klasse. Und dann wundert man sich ernsthaft das ich keine Lust habe solche „Einladungen“ wahrzunehmen. Ohne Worte.

Nichtsdestotrotz habe ich mich nach langem Hin und Her dazu entschlossen diese besagte „Einladung“ zum Abendessen doch anzunehmen. Also habe ich mir bereits am Mittwoch Abend Couscous mit Gemüse vorbereitet und bin bewaffnet mit meiner Mikrowellen-Box zum verabredeten Termin aufgetaucht. Schon beim Eintreten habe ich diese Entscheidung bereut. Ich muss dazu kurz anmerken das ich das erste Mal dort zu Besuch war, heißt also ich kannte mich in diesem Haus (und der Küche) null aus. Als wir also reinkamen saßen bereits alle am Tisch. Mein erster Blick fällt auf eine große Schüssel mit Nudeln. Mein erster Gedanke: Warum hat mir das keiner gesagt? Hätte ich gewusst das es Nudeln gibt hätte ich mir ein Pesto mitgebracht, Problem gelöst. So wurde ich natürlich wieder in die Rolle des anspruchsvollen, nervtötenden Veganers gedrückt, der sich sein eigenes Essen mitbringt weil er ja nichts „Normales“ isst. Ich kam mir wirklich ziemlich verarscht vor, doch gut erzogen wie ich bin habe ich einfach nichts gesagt. Trotzdem stand ich erstmal wie ein Trottel vor dem Tisch, an dem alle Anwesenden ungeduldig saßen, denn immerhin mussten alle noch auf mich warten bis ich mein Essen warm gemacht hatte. Nun würde man erwarten das die „Gastgeberin“ wenigstes jetzt auf mich zukommt und mir sagt ich könne mein Essen schnell in der Mikrowelle oder im Ofen warm machen, aber nichts. Ich wurde einfach nur weiterhin angestarrt. Nett. Einer der anderen Gäste nahm sich dann ein Herz und bot seine Hilfe an, denn wie schon erwähnt, war ich das erste Mal dort. Ich wusste weder wo Teller und Besteck sind, noch ob es eine Mikrowelle gibt. Und selbst wenn ich das gewusst hätte, so gehe ich als Gast ja nicht einfach ungefragt an fremde Schränke und wühle dort herum. Das Ende vom Lied ist, die „Gastgeberin“ hat nicht mal eine Mikrowelle und ich musste mein Essen im Ofen warm machen, was natürlich – zum weiteren Unmut der anderen Gäste – deutlich länger als das Aufwärmen in einer Mikrowelle gedauert hat.

Das Essen war dann ein einziger Krampf für mich. Ich habe mich selten so unerwünscht und unwohl gefühlt. Mein Fazit daraus ist deshalb auch tatsächlich das ich nicht wieder mitkommen werde, wenn dort noch einmal „eingeladen“ wird. Mir ist schon klar, das viele jetzt sagen da müsse man drüber stehen und nicht eingeschnappt reagieren. Aber dieses Erlebnis ist wirklich nur die Spitze des Eisbergs.

Ich bin hier vielleicht ein wenig gebrandmarkt, denn mir blieb bisher wirklich wenig erspart. Eines meiner persönlichen Highlights: Ich war zum Essen eingeladen, es gab Grünkohl und Fleisch, dazu Salzkartoffeln. Ich wäre super zufrieden mit den Kartoffeln gewesen, das habe ich auch mindestens drei mal gesagt, aber man hat extra für mich (was auch mehrfach betont wurde) noch Gemüse gemacht. (Tiefkühlgemüse im Kochbeutel – Garzeit vielleicht 5 Minuten, wenn überhaupt – ein wirklich großes Opfer das die Gastgeberin hier vollbracht hat.) Da war ich schon ziemlich angefasst. Doch dann stellte jemand ein Schweinebein auf den Tisch. Ja, ein Schweinebein, mitsamt der Hufe. Soweit so ekelhaft, aber ich habe nichts gesagt. Dann allerdings die charmante Frage, mit einem süffisanten Grinsen: „Ach du bist ja Vegetarier, das stört dich doch nicht, oder?“ Doch, es stört mich. Ich finde es widerlich! Ich hacke dir ja auch kein Bein ab und stelle es auf den Tisch – das hätte ich am liebsten gesagt. Doch ich hab einfach freundlich gelächelt und nichts gesagt.

Vorfälle wie diese habe ich zu Hauf erlebt, immer habe ich freundlich und ruhig reagiert, doch so langsam aber sicher habe ich absolut kein Verständnis mehr. Wie kann ich ruhig bleibe wenn ich zu jeder Gelegenheit angegriffen werde, mal unterschwellig, mal ganz offen. Ich würde mich noch umgucken mit meinem „exklusiven“ Geschmack wenn hier mal schwere Zeiten ausbrechen würden. Ja genau. Denn in schweren Zeiten (wie z.B Krieg – was immer gern als Beispiel angebracht wird) gibt es selbstverständlich immer Fleisch, Eier und Milchprodukte. Was denn auch sonst? Kartoffeln und Steckrüben oder Gemüsekonserven? Nein, es gibt natürlich Steaks und Schweineschnitzel. Oh ja, dann würde ich mich wirklich umgucken! Ich Dummerchen!

Was mich wirklich verletzt, ist die Tatsache das gerade Familie und Freunde so verständnislos reagieren und „dieses vegan sein“ auch noch ins Lächerliche ziehen. Wie oft ich mir immer wieder unterstellen lassen muss, das ich etepetete sei, oder besonders wählerisch. Dem ist nicht so. Ich weiß das. Vielleicht wissen die anderen es auch, und sagen das bloß um nicht über ihr eigenes Verhalten nachdenken zu müssen. Trotzdem macht es mich traurig…und auch wütend. Ich bin momentan soweit das mir wirklich jegliches Verständnis für solche Äußerungen fehlt. Ich bin es einfach leid! Ich bin wirklich niemand der Vegetarismus oder Veganismus ständig, oder überhaupt zum Thema macht, es sei denn jemand fragt mich aus ehrlichem Interesse heraus. Das kommt zwar äußerst selten vor, aber es kommt vor. Nur eben nicht im Freundes- und Familienkreis. Ich muss immer an ein Bild denken, das PETA einmal auf Facebook gepostet hat. Ich bekomme den Spruch nicht mehr ganz genau hin, aber er besagte im Grunde genommen „Jahrelang haben deine Eltern versucht dir Gemüse schmackhaft zu machen, dann sagst du ihnen das du nun vegan lebst und sie sie flippen aus.“ Genau so ist mir das passiert. Isst du jetzt auch keine Eier mehr? Woher bekommst du denn jetzt dein Eiweiß? Solche Fragen ärgern mich einfach. Sie zeigen mir welch gute Arbeit die Werbung mit ihrer Gehirnwäsche geleistet hat und das die wenigsten Leute diese Propaganda hinterfragen.

Eine weitere grandiose Frage die mir gestellt wurde als ich sagte das ich kein Fleisch esse: „Wirklich gar kein Fleisch mehr von Tieren?“ Nein, ich esse jetzt nur noch Menschenfleisch (Achtung Sarkasmus!). Was ist das bitte für eine Frage? Da musste ich wirklich am gesunden Menschenverstand meines Gegenüber zweifeln. Oder aber auch folgende Frage, auf meine Aussage das ich versuche komplett auf tierische Produkte zu verzichten: „Isst du denn dann auch keine Eier mehr?“ Moment, lass‘ mich kurz überlegen. Doch klar, Eier esse ich noch. Die wachsen ja bekanntermaßen auf Bäumen, oder? Auch wenn diese Fragen oft von der älteren Generation gestellt werden und ich mir immer wieder sage das sie es ganz bestimmt nicht böse meinen ärgere ich mich sehr darüber. Genauso wie darüber das mir jedes Mal von den selben Leuten die selben Fragen gestellt werden. Es ist absolut ok für mich wenn Leute sich nicht für Veganismus interessieren, aber dann sollen sie bitte auch nicht so heuchlerisch fragen wenn sie meine Antworten eh gleich wieder vergessen oder gar nicht erst zuhören.

Aber wisst Ihr über was ich mich fast am meisten ärgere? Über mich selber. Und zwar darüber das ich immer so übermäßig verständnisvoll bin. Warum bin ich das überhaupt? Wahrscheinlich um Diskussionen oder diese Unterstellungen man sei schwierig zu vermeiden. Das ist allerdings vollkommener Schwachsinn. Ich habe mich dazu entschieden dies nicht mehr zu tun. Ich werde es darauf ankommen lassen. Es wird wohl darauf hinauslaufen, das ich mir tatsächlich von nun an eigens Essen mitbringen muss wenn ich eingeladen bin.
Nur damit wir uns richtig verstehen, ich erwarte nicht das man mir einen perfekten veganen Käsekuchen zaubert. Ich bringe gern Kuchen mit wenn ich eingeladen bin, schon allein deshalb um zu zeigen wie lecker vegane Kuchen sind. Anders gestaltet sich das natürlich wenn ich unter der Woche zum Abendessen eingeladen bin und man dann erwartet das ich mir ein komplettes Abendessen mitbringe, obwohl ich bis 17 Uhr arbeite, und das auch nur weil die Leute offenbar keine Beilagen essen oder es nicht für nötig halten zu erwähnen das es Beilagen gibt. Ich verstehe wirklich nicht warum immer so ein Aufriss gemacht wird. Diverse Lebensmittel sind sowieso vegan. Ich bin mir sicher das jeder schon einmal Spaghetti mit Ketchup oder Tomatensoße gegessen hat – ein veganes Gericht. Wer hätte das gedacht.

Wenn ich eingeladen bin, esse ich einfach das was ich mag, und wenn ich nichts davon mag, esse ich eben nichts. Das ist meine eigene Entscheidung und wäre in dem Fall dann auch mein eigenes Problem. Es ist ja nicht so das ich den Leuten dann Vorwürfe mache. Von mir wird auch immer Verständnis erwartet, so kann ich doch im Gegenzug von den anderen auch ein bisschen mehr Verständnis erwarten, oder?

Schon als Vegetarier hat man es nicht gerade leicht mit seinen Mitmenschen, aber ich hätte nie gedacht das sich Veganer mit einer derartigen Feindseligkeit herumschlagen müssen.

Ich möchte hier aber noch schnell einen Disclaimer einwerfen. Ich behaupte keineswegs das alle Menschen die Fleisch essen böse und gemein sind, voller Vorurteile und Hass gegenüber Vegetariern und Veganern. Die meisten Menschen haben Vorurteile und eine Abneigung gegenüber allem was nicht in die eigene Weltanschauung passt, das gilt für alle gleichermaßen, egal ob Veganer, Vegetarier oder Fleischesser. Ich bin mir ziemlich sicher das auch Fleischesser sich mit Vorwürfen und Verallgemeinerungen herumschlagen müssen, und ich muss gestehen das ich selbst auch dazu neige. Trotzdem bemühe ich mich die Dinge differenzierter zu sehen, obwohl es mir schwer fällt, ist es doch eine absolute Herzensangelegenheit für mich. Immerhin geht es hier um Leben, und zwar um das Leben von Mensch und Tier.

 

Photography: Florian Fischer

Verfasst von

Storyteller. Traveler. Nature Lover.

5 Kommentare zu „Der Veganer – ein ungern gesehener Gast

  1. Hey,

    ich finde es immer wieder schade, dass einem, nur weil man beschließt vegan zu leben, so viel negatives entgegen kommt. Ich muss ehrlich sagen, dass mir noch nie so viel Aggression begegnet ist, wie seit ich vegan lebe. Und ich kann das bei bestem Willen oftmals kein bisschen verstehen. Es ist einfach nur schade.
    Da wird man gerne mal als Extremist bezeichnet. Manchmal auch als Nazi. Man darf sich Geschichten anhören wie der andere hätte schlechte Erfahrungen mit Veganern gemacht. Und selbst soll man bei alledem immer wieder positiv gestimmt und vor allem sachlich bleiben. Das ist nicht immer leicht.
    Erst vorgestern durfte ich mir wieder anhören wie ungesund meine Ernährungsweise doch sei. Und das wohl gemerkt ungefragt. Niemand hatte diese Person nach ihrer Meinung gefragt, und noch weniger ging das Gespräch von mir, dem einzigen anwesenden Veganer, aus. So wird einem dann wieder die eigene Meinung und zusätzlich ein Gespräch aufgezwungen, das man nie vor hatte zu führen.
    So nervig all diese Dinge auch sind, so gibt es auch wieder Menschen, die das Gegenteil beweisen. Solche die offen sind, gerne mal für einen vegan kochen und auf einen eingehen. Oder die einfach auch akzeptieren, dass man sich halt entschlossen hat so zu leben.
    Manchmal braucht das nachvollziehen zu können für manche auch etwas mehr Zeit. Dann sollten diese aber auch offen sein sich die Beweggründe für die eigene Entscheidung anzuhören, um es besser nachvollziehen zu können.
    Gerade bei der Familie ist es schwieriger. Bei Freunden, die selbst nach längerer Gewöhnungsphase noch kein Verständnis aufbringen können, würde ich mir langfristig überlegen ob das eine Zukunft hat.
    Entschuldige für diese vll harten Worte. Ich persönlich finde halt, dass man sich seine Freunde aussuchen kann. Und man kann auch unterschiedliche Ansichten haben, dennoch sollte gegenseitige Toleranz gegeben sein.

    Dennoch wünsche ich dir weiterhin viel Erfolg auf deinem weiteren Weg ;).

    Lg

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  2. Liebe Cordula!
    Stimmt, Du bist da in eine sehr unfreundliche Gruppe geraten. Toleranz scheint dort wohl kleingeschrieben -wenn überhaupt-zu sein. Nun man kann auf der ganzen Welt nur einen Menschen ändern und das ist man selbst. Mich wundert, dass Du Deine Gastgeber über Deine Gefühle im Unklaren ließt. Höflich zu schweigen ist das Eine, ein höflicher Brief in dem man die eigenen Gefühle klar ausspricht und einen Wunsch an die angesprochene Person äußert, kann eine Gelegenheit bieten Klarheit zu schaffen. Du hast in Deinem Bloggbeitrag klare Möglichkeiten aufgezeigt, die Dich zufriedenstellen und die Gastgeberin nicht überfordern, also schreib ihr das! Ob die Botschaft angenommen und verstanden wird, liegt an den Anderen. Du hast das Deine getan und das reicht. Du hast ein Recht zu essen, was Dir guttut und was Du willst. Liebe Grüße und steh zu Dir! Die Gärtnerin mit dem grünen Daumen

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